HNA und das Nirwana

Zum zweiten Mal macht die HNA ihren Kasselteil mit einem sensationslüsternen Artikel zu einem angeblichen "Chaos bei Radwegebeschilderung" auf. Dieses Chaos besteht demnach darin, dass, so behauptet der Autor des Artikels, rund 240 von 1200 in diesem Jahr aufgestellten Radwegweisern falsch beschriftet oder aufgestellt seien.

Einmal davon abgesehen, dass demnach immerhin 960 der Schilder (80% entspricht exakt dem Pareto-optimalen Punkt!) die Radfahrer richtig weisen, was gegenüber der Situation vorher ein gewaltiger Fortschritt ist, kann ich weder aus den beiden dokumentierten Beispielen noch aus eigener Feststellung die Behauptung nachvollziehen.

Ich fahre viel und regelmäßig mit dem Rad in Kassel und habe erst einmal wirklich falsch weisende Schilder gesehen. In diesem Fall zeigten vier Wegweiser an einem Pfosten jeweils um 90° in die falsche Richtung. Das lässt zumindest vermuten, dass jemand den Pfosten manipuliert hat. Jedenfalls habe ich ein Foto mit der falschen Richtungsanzeige an die am Pfosten angegebene Adresse gemailt und festgestellt, dass der Fehler zügig behoben wurde.

Natürlich sind manche Angaben für Ortskundige irritierend, aber deswegen sind sie nicht unbedingt falsch. Der Wegweiser "Südstadt 0,9 km" in der Menzelstraße ist ja nicht falsch. Die Menzelstraße ist eine Randstraße der Südstadt; wer von dort einen knappen Kilometer in die angegebene Richtung fährt, ist immer noch in der Südstadt. Ein ähnlicher Wegeweiser steht z.B. auch an der Fasanenhofschule; auch hier "Fasanenhof 0,9 km". So richtig es ist, dass die gleichnamige Schule im Stadtteil Fasanenhof zu finden ist, so richtig ist auch, dass der Radfahrer 900 m weiter immer noch in Fasanenhof radelt, und noch einmal 900 m weiter in gleicher Richtung immer noch. Kassels Stadtteile haben nun einmal keine echten Zentren, diese Wegweiser leiten in Richtung geographischer Mittelpunkte. Das ist für Einheimische vielleicht nicht immer schlüssig, aber nicht falsch und alles andere als ein Chaos.

Auch das zweite Beispiel ist bei genauer Betrachtung korrekt. Zwar wird kaum ein Kasseler von der Friedrichsplatzrandstraße zum Königsplatz dieser Wegweisung folgen, sondern, wenn er nicht gegen die Fahrtrichtung auf der Westseite des Steinwegs radelt, quer über den Friedrichsplatz fahren. Nur ist dieser nicht als Radwegeverbindung freigegeben und die Fußgängerzone ist ebenfalls tagsüber tabu. Also ist es richtig, den Radler an der Kreuzung auf die Ostseite des Steinwegs zu lotsen bis zur Ampel in Höhe des Naturkundemuseums und dort wieder zurück, am Fridericianum vorbei und über die Untere Karlsstraße zum Königsplatz. Wie gesagt, etwas merkwürdig, aber korrekt.

Ich weiß nicht, was Herrn Ludwig und die Lokalredaktion mit diesem Sensationsjournalismus bezwecken. Etwas Konstruktives kann ich jedenfalls nicht erkennen. Dazu hätte ein Lob für die qualitativ erhebliche Verbesserung der Beschilderung gehört und vielleicht ein Aufruf an Radfahrer, solche Fehler, die wirklich in die Irre führen, zu melden, um sie korrigieren zu lassen. Dass es die bei 1200 Schildern geben dürfte, ist mehr als wahrscheinlich, aber auch nicht mehr als das. Stattdessen von "Chaos" und "Wirrwarr" zu schreiben, scheint mir sehr destruktiv.

Aber vielleicht geht es auch um etwas ganz anderes: Herr Ludwig meint am Ende seines Kommentars, "Kassels Radfahrer werden noch länger ins Nirvana geschickt." Dann können wir uns ja alle ganz beruhigt zurücklehnen, den das Nirwana meint im Buddhismus einen Zustand der Erlösung, des höchsten Glücks. Wenn wir Radfahrer die ersten sind, die das Nirwana in Kassel finden, kann uns doch kaum etwas Besseres geschehen.



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Autor dieses Artikels:

Kurt U. Heldmann Dieser Artikel wurde am 20.September 2011 veröffentlicht. Weitere Beiträge von : 9 Artikel.


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