Die HNA vom 27. September 2010
Guten Morgen liebe Leser,
nach einem Wochenende, an dem regional, national und international im politischen, sportlichen und kulturellen Bereich immens viel passiert ist, war ich gespannt, welche Schwerpunkte in der Montagsausgabe der HNA gesetzt werden.
Es war mit Sicherheit keine leichte Aufgabe für die Politik-Redaktion zwischen den fünf Euro mehr für Hartz IV-Empfänger, den Boni für HRE-Banker und dem SPD-Sonderparteitag zu gewichten. Man hat sich in der Hauptsache für das Hartz IV-Thema entschieden, da dies viele Menschen persönlich betrifft. Der Kommentar von Detlef Sieloff sagt alles und wird indirekt auch noch unterstrichen durch den Artikel über die hohen Pensionen für scheidende Bank-Vorstände.
Trotzdem ist der SPD-Sonderparteitag etwas zu kurz gekommen. Kein Wort davon, dass Sigmar Gabriels Rede zwei Stunden dauerte und selbst befreundeten Genossen zu lang war. Und auch nichts über Gastredner Joachim Gauck. Der von der SPD und den Grünen ins Spiel gebrachte ehemalige Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten, diktierte den Genossen ziemlich deutlich ins Parteibuch, dass das Schielen nach links nichts bringen wird.
Gut gefallen mir der Kommentar von Detlef Drewes, der das Problem mit der EU, nämlich das Produzieren von zu viel Bürokratie auf den Punkt bringt, und die Vorstellung des neuen Labour-Chefs Ed Miliband. In Großbritannien, siehe auch die Samstagausgabe, war die HNA von Anfang an ganz nah dran.
Dass die Mainzer bei der Sportberichterstattung ganz vorne dominieren, war klar und ist auch angemessen. Beim Sieg von Dortmund über St. Pauli nur von der Mannschaft von Trainer Jürgen Klopp zu sprechen und kein Wort über die Kiez-Kicker zu verlieren, empfinde ich ein wenig ungerecht.
Immer wieder ein Genuss sind die Rubriken „Volltreffer“ und im „Abseits“, die ich – ich gestehe es gerne– montags zuerst lese. Gerne hätte ich noch ein paar Worte darüber erfahren, ob es nach der Partie zwischen Bremen und Hamburg zu Ausschreitungen, insbesondere unter HSV-Fans, kam. Die Meldungen, die ich darüber gestern bei einer längeren Autofahrt im Radio aufschnappte, waren widersprüchlich.
Ansonsten: Klasse Sportseiten, die vom Gewichtheben übers Westernreiten bis hin zum Berlin-Marathon und der Formel Eins das gesamte Spektrum eines bunten Sportwochenendes abdecken.
Die Fernsehseite wartet mit einer Tatort-Kritik auf, die eigentlich keine Kritik ist, sondern eine äußerst feinfühlige Beobachtung. Mark-Christian von Busse findet die richtigen Worte für einen melancholischen Film, der beim Lesen seiner Zeilen noch einmal vor dem geistigen Auge abläuft. Das passt!
Das Aufmacher-Foto auf der Fernsehsite lässt zunächst einen Heimatfilm vermuten. Man wird aber sofort neugierig, wenn darunter steht „Kein Heimatfilm …“. Und wenn man dann noch die Vorschau von Jens Szemeit liest, dann will man diesen Film heute Abend im ZDF sehen.
Bettina Fraschke schreibt fachkundig im Kulturteil über ein schwieriges Theaterstück, in dem – ich zitiere – „fast nichts passiert“ und „Leere und Hoffnungslosigkeit dominieren“. Hoffen wir, dass sich nach ihrer „Warten auf Godot“-Kritik ein paar Leser mehr für das Theaterstück des irischen Schriftstellers Samuel Beckett interessieren, der ja durchaus eine Verbindung zu Kassel hatte. Im Herbstist das gewiss keine leichte Kost.
Am Hamburger Schauspielhaus soll es am Wochenende eine vielumjubelte Premiere gegeben haben: Volker Löschs Inszenierung von „Hänsel und Gretel“. Die hätte Kasseler vermutlich mehr interessiert als die Kritik am Hamburger Sparkurs. Gespart wird in der Kultur leider überall – außer im Kulturteil der HNA, der auch das regionale Kulturgeschehen gut zusammen und auf den Punkt gebracht hat.
Eine schöne Woche mit viel Kultur wünscht Ihnen
Ihr
Wilhelm Ditzel
Übrigens: Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass der Sommer zum kalendarischen Sommerbeginn meist noch lange auf sich warten lässt, während der Herbst immer pünktlich zu kommen scheint.

Dieser Artikel wurde am 27.September 2010 veröffentlicht. Weitere Beiträge von