Die HNA vom 20. Juli 2010
Guten Morgen liebe Leser,
geht es Ihnen auch so, dass Sie schon auf dem Weg zum Briefkasten denken: „Was mag denn wohl heute in der HNA stehen? Bestimmt etwas über amtsmüde Politiker und Sportfunktionäre, etwas über das Bohrloch …“ Das ist vorhersehbar, nicht aber die Art und Weise wie keinesfalls amtsmüde Redakteure mit den Themen umgehen. Hochinteressant ist das Interview mit dem Politologen Gerd Langguth über das Menschliche an Ole von Beusts Rückzug, das das Verhalten mal aus einem ganz anderen Winkel beleuchtet.
Gut finde ich auch die Vorstellung der Kronprinzen im Hintergrund, auch dies eine Alternative zu dem in vielen anderen Medien üblichen „Merkel laufen die guten Leute weg“. Dass diese allerdings viele verschiedene Gründe für ihren Rücktritt hatten und nicht alle über einen Kamm zu scheren sind, das hätte der Aufmacher im Politik-Teil „Ein Eindruck von Erosion“ deutlicher machen können.
Wie wäre es mal mit einer Wählerbefragung: Dürfen Politiker, die wir in Amt und Würden gewählt haben, einfach diese Ämter niederlegen, wenn sie keine Lust mehr haben?
Mut macht da die zweite Politik-Seite. Christa Goetsch denkt nicht an Rücktritt und zeigt allen Sensibelchen, dass man kämpfen muss, wenn man von etwas überzeugt ist. Die Geschehnisse haben sich zwar in Hamburg abgespielt, aber sie gehen alle Eltern an. Deshalb ist eine ganze Seite zu diesem Thema gerechtfertigt.
Berührt hat mich das Interview mit dem Medizin-Ethiker Giovanni Maio. Es regt an, sich mehr Gedanken über das Thema „Schutz von ungeborenem Leben“ machen.
Mitten im Hochsommer macht die Menschen-Seite mit einem Weihnachtsmann-Foto auf. Das hat Witz, ebenso wie die Frage, ob ein Klempner das Bohrloch im Golf von Mexiko gestopft hat – die auch diesem leidigen Thema mal wieder einen anderen Aspekt verleiht.
Informativ ist kurze Porträt von DFB-Chef Theo Zwanziger, mit dem der Sport aufmacht. Den Umständen um seine Amtsmüdigkeit hätte man noch mehr Platz einräumen können, Freunde wie Gegner zu Wort kommen lassen und eine Auflistung dessen, was er beim DFB alles bewirkt hat. Interessiert noch jemanden die Tour de France?
Das Aufmacher-Foto auf der Fernseh-Seite entscheidet bei Vielen, ob man sich am Morgen auch schon mal auf den Abend freuen darf. Heute „Ja“ – das Motiv trifft die Stimmung der sehenswerten Eiffel-Krimis um die Ermittlerin Sophie vortrefflich.
Auch das Interview mit Regisseur Jean-Pierre Jeunet ist weit mehr, als nur Werbung für seinen neuen Film „Mic-Macs“. Eine gute Wahl, die aber durch eine, meiner Ansicht nach, völlig überflüssige CD-Kritik über Uffie geschmälert wird. Dafür ist der Platz auf dieser Seite zu wertvoll.
So könnte man natürlich an mehreren Stellen argumentieren, dass dies noch größer, das andere etwas kleiner gehört hätte oder dass vielleicht sogar eine Nachricht gefehlt hat. Aber genau das macht den Reiz einer Tageszeitung aus. „Was mag denn wohl heute in der HNA stehen?“, habe ich mich auf dem Weg zum Briefkasten gefragt. Es ist eine Auswahl dessen, was einer Gruppe von Redakteuren bis gestern Abend berichtenswert erschien. Manches haben sie nicht ohne Grund weggelassen oder kurz gefasst, anderes ebenso bewusst betont und unter verschiedenen Aspekten betrachtet. Das kann kein anderes Medium leisten. Wie denken Sie darüber?
Einen sonnigen Tag wünscht Ihnen
Ihr Wilhelm Ditzel

Dieser Artikel wurde am 20.Juli 2010 veröffentlicht. Weitere Beiträge von